Ein zweiter Bericht vom Kriegsende 1945

Ende Februar kam die Front immer näher. Die im Räume Neuer-burg-Ammeldingen liegenden Restteile einer deutschen Division bildeten nur noch einen vorgeschobenen Stützpunkt, der an seinen Flanken längst von amerikanischen Truppen überholt war. Die einzig noch offene Rückzugsstraße aus diesem Raum von Neuerburg über Scheuern nach Osten lag Tag und Nacht unter schwerem Artilleriebeschuß und unter dem Angriff der amerikanischen Luftwaffe. Die ununterbrochen über dem Talkessel kreisenden Jabos nahmen alles, was sich nur regte und bewegte, unter Bordwaffenbeschuß. Glücklicherweise waren die Verluste unter den sich zurückziehenden Einheiten nur gering. Um so größer aber waren die Zerstörungen an den noch stehenden Gebäuden, besonders in der Ortsmitte. Unter anderem erhielt auch die Pfarrkirche dabei mehrere Granattreffer. Die Mariensäule auf dem Marktplatz, die bis dahin verschont geblieben war, wurde in der letzten Nacht vor dem Einmarsch restlos zerstört.

Mit dem Beschuß der Panzersperren, die zurückgebliebene Männer am Sportplatz, am Kreuzberg und oberhalb der Burg, hatten errichten müssen, wurde die Endphase des Kampfes eingeleitet. Die amerikanische Infanterie, die am Abend bis auf die Höhen südwestlich der Stadt (Auf dem Heer) vorgerückt war, nahm diese Punkte unter direkten Beschuß. Die letzten deutschen Einheiten rückten daraufhin im Schutze der Nacht ab, nicht, ohne alle kleinen und großen Brücken hinter sich in die Luft gesprengt zu haben. Nur eine Brücke, die an der Mühle, konnte durch das entschlossene Eingreifen eines Polizeibeamten von der Sprengung verschont bleiben. Die Sprengungen erfolgten in der Nacht gegen 3 Uhr ohne vorherige Warnung der Zivilbevölkerung.

Der anbrechende Morgen des 24. Februar fand Neuerburg leer von Soldaten. In und über der Stadt herrschte Totenstille. Ob dieses ungewohnten Zustandes wagten sich einige beherzte Männer aus den Kellern heraus. Sie waren dann auch die ersten, die die in der Mittagsstunde aus Richtung Hasenhof sehr vorsichtig in Neuerburg einrückende amerikanische Infanteriespitze davon verständigten, daß sich kein deutscher Soldat mehr im Ort befand. Im Laufe des Nachmittags rückten weitere Einheiten, darunter auch die ersten Panzer, ein. Spezialtrupps schlugen in wenigen Stunden Notbrücken über den Enzbach und ermöglichten den Durchgangsverkehr. Noch am gleichen Tage wurde die Zivilbevölkerung auf dem Friedrichsplatz zusammengerufen und angewiesen, sich in ihre Häuser zu begeben und diese drei Tage lang nicht zu verlassen. Während dieser Zeit mußte die Bevölkerung dann das unvermeidliche Schicksal des Besiegten über sich ergehen lassen, wobei es glücklicherweise zu keinerlei ernsteren Zwischenfällen kam. Der amerikanische Ortskommandant hatte auf der Burg Quartier bezogen, während seine Soldaten sich in den weniger zerstörten Gebäuden an den Ortseingängen einquartiert hatten.

Am folgenden Sonntag konnte sich die Bevölkerung zum ersten Male seit langer Zeit wieder zum Gottesdienste in der Pfarrkirche versammeln. Noch am gleichen Tage setzten die Amerikaner einen Bürgermeister ein; zwei Tage später wurde auch die nicht geflüchtete Ortspolizei wieder eingesetzt. Die erste gemeinsame Arbeit galt der Wiederherstellung der Wasserleitung. Um der Seuchengefahr vorzubeugen, mußten an der Scheuernerstraße eine Reihe von Pferdekadaver vergraben werden. Überhaupt war an dieser Rückzugsstraße besonders viel aufzuräumen. Sowohl die öffentlichen als auch die privaten Aufräumungsarbeiten mußten mit primitivsten Mitteln bewerkstelligt werden. Aber die Menschen faßten neuen Mut und begannen mit großer Energie und zähem Fleiß ihre Heimatstadt wieder aufzubauen.

©  Hans Theis, Neuerburg  

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok