Sagen / Geschichten
Den Här as an der Stuv! - flüstert die Magd der Bäuerin zu, die gerade in der Küche ihres Amtes waltet.

Die Bäuerin erinnert sich: Richtig, diesmal wollte der Herr Pastor selbst die Caritas-Kollekte in den Filialdörfern einsammeln. Eilfertig wischt sie sich die Hände an der Schürze ab und geht in die Stube, um den hohen Gast zu begrüßen.

Der eigentliche Zweck des Besuches ist bald erledigt, und der Herr Pastor macht nach einigen Fragen über Wohlbefinden in Familie und Stall Anstalten sich zu verabschieden. Aber so läßt man einen Gast doch nicht gehen! Die Bäuerin weiß, was sie dem Ruf des obstgesegneten Landes schuldig ist, und auf ihren Wink hin holt die Magd aus dem Schrank der "guten Kammer" die Flasche Selbstgebrannten Zwetschenwassers.

Die Bäuerin schenkt dem Gaste das klare Getränk ein. Der Herr Pastor, in vielen Jahren seines Wirkens in dem benachbarten Pfarrort ein Kenner der selbstgebrauten geistigen Getränke geworden, nippt leicht an dem Gläschen - prüft noch einmal. Seine Augen begegnen dem fragenden, Lob heischenden Blick der Hausfrau. " Nicht übel", meint der alte Herr, und ein feines Lächeln geht über sein Gesicht.

Die Bäuerin strahlt. Ja, ihr Mann, der Kläs, versteht das Brennen! "Ein zweites Gläschen gefällig, Herr Pastor?" Der nickt freundlich Gewährung. Um das dritte Glas bittet der "Här" dann sogar selbst. Ein viertes folgt. Freudig und stolz genießt die Bäuerin die Ehre, die der verehrte Gast ihrem Selbstgebrannten und damit ihrem Hause antut. Ein kleiner Schalk sitzt dem Herrn Pastor in den Falten seines freundlichen Gesichtes, als er sich später mit einem besonderen Dank für den "guten Tropfen" verabschiedet.

Zufrieden nimmt die Bäuerin die Flasche und bringt sie zurück in den Schrank des benachbarten Schlafzimmers. Als sie die Tür des Schrankes öffnet und die Flasche zurückstellen will, weiten sich plötzlich ihre Augen. Einen schrillen Schrei stößt sie aus und setzt sich erschüttert auf den Rand des Bettes: Da steht die Schnapsflasche am wohlbekannten Platze; in den Händen aber hält sie, - o Schande -, die Flasche mit Weihwasser, die ansonsten ihren Platz lediglich eine Stufe höher im Schranke hat.

"Sehen Sie", sagt der Pastor, als er diese Geschichte erzählte, "ich brachte es nicht übers Herz, die gute Frau zu enttäuschen. Und, warum sollte ein Pastor nicht auch einmal Weihwasser trinken?"

©  Hans Theis, Neuerburg

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