Gellend schreit ein Hörn über die Ebene. Aus der Ferne antwortet ein zweiter Ruf. Dann sind es mehrere. Von allen Seiten strömen die keltischen Krieger herbei und versammeln sich bei den Tanzkillbuchen. Sie tragen ihre Kriegsausrüstung: lange, zweischneidige Schwerter in eisernen Scheiden, Lanzen mit langen breiten Eisenspitzen, einige auch Schleudern und Bogen. Den Kopf schützen Helme aus Metall, den Körper deckt ein großer, mit Leder überzogener Schild.

Unter dem grünen Blätterdach der Bäume wogt bald ein Meer von Lanzen. Die Krieger bilden einen Halbkreis um eine mächtige Buche. Als Gaufürst Imar einen Fels am Fuße der Buche besteigt, verstummt der Lärm der Stimmen und Waffen. Die Frauen und Kinder im Hintergrund drängen näher heran. Laut schallt die Stimme
Imars durch den Buchenhain: „Treverer, ihr wißt, daß wir vor Jahren mit den Germanen Frieden geschlossen und diesen Frieden bis heute gehalten haben. Schon seit Monden berichten unsere Kundschafter jedoch von Kriegsvorbereitungen der Germanen. Jetzt wissen wir, daß diese Vorbereitungen uns gelten. Ein großer Zug von Kriegern ist unterwegs zu unserm Gau. Bald werden sie hier eintreffen. Wir werden aber auch diesmal die Germanen mit blutigen Köpfen nach Hause schicken!" Ein beifälliges Gemurmel geht durch die Reihen der Krieger. „Bevor jedoch der Kampf beginnt, wollen wir die Götter um Rat fragen".

In der Nähe des Versammlungsplatzes steht ein unbehauener, wohl 5 Meter hoher Felsen. Um ihn haben sich die Priester und Priesterinnen, die Druiden, versammelt. Ein Huhn ist geschlachtet worden.

Das Blut des Opfertieres sucht sich langsam einen Weg über die Wand des Felsens und durch künstliche Rinnen. Aufmerksam betrachten die Druiden den Fluß des Opferblutes. Priesterinnen untersuchen die Eingeweide des Tieres. Andere Druiden haben in der Stille des Waldes dem Gesang der Vögel gelauscht. Was die Druiden so sehen und hören, deuten sie als Weissagung. Bald verkündet der Oberpriester der versammelten Menge den Spruch des Kriegsgottes Maturbus: „Ihr werdet siegen!" — Begeistert schlagen die Krieger ihre Lanzen an die Schilde. Manche Frau aber erschauert in Angst bei dem dumpfen Dröhnen der Waffen.

Gaufürst Imar gibt die Kampfanweisungen. Unter Führung ihrer Häuptlinge wenden sich die meisten Krieger der Wikingerburg im Norden der Hochfläche zu. Hier ist der Feind am ehesten zu erwarten. Die Frauen, Kinder und Greise aber eilen ihren weit über die Hochfläche verstreuten Wohnungen zu. Bald kehren die ersten zurück. Mit Ochsen bespannte Wagen tragen den wichtigsten Hausrat und Vorräte an Lebensmitteln. Kinder treiben Rinder und Schafe Am nächsten Morgen machen die Frauen sich auf, den Männern in der 6 Kilometer entfernten Wikingerburg Nahrungsmittel zu bringen. Fast alle Frauen tragen Waffen. Ungefährdet erreichen sie die Nordfestung. Die Wikingerburg ist zwar nicht so groß wie die Niederburg, doch sind ihre Mauern noch stärker, die Gräben tiefer. Inmitten der Festungsanlage erhebt sich ein hoher Turm. Ein Wächter kann von dort aus weit ins Land sehen. Der Wald ist ringsum gerodet, damit der Feind nicht ungesehen heranschleichen kann.

Um die Mittagsstunde meldet der Wächter den Feind. Die Germanen haben die Höhe erreicht, an deren Abhang heute die Häuser von Schwarzenbruch stehen. Eilends verläßt die letzte Gruppe der Frauen die Festung. Das Tor wird mit schweren Balken verriegelt. Fast eine Stunde vergeht in Erwartung und beängstigender Stille. Es ist für die Krieger in der Festung fast wie eine Erlösung, als aus dem Wald der Nordseite plötzlich das Kriegsgeschrei der Germanen gegen die Mauern brandet. Aus dem Dunkel des Waldes stürmt die Schlachtreihe der Germanen hervor. Auf ein Kommando halten sie an und werfen Steine und kleine Lanzen gegen die Verteidiger auf den Mauern. Pfeile und Brandfackeln schwirren durch die Luft. Die Treverer müssen hinter den Mauern Schutz suchen. So können sich die Germanen bis dicht an die Mauern heranwagen. Einige Feinde haben bereits begonnen, Feuer an die Holzverkleidung der Mauern zu legen. Da prasseln plötzlich Steine, die die Treverer in großer Zahl auf den Mauern aufgehäuft hatten, auf die Feinde herab und begraben viele Krieger unter sich. Die Germanen ziehen sich in den "Wald zurück. Wieder wird es still im Wald und in der Festung.

Die Germanen beschließen, in aller Stille die Festung zu umgehen und sie von der Südseite anzugreifen. Vorsichtig nähern sie sich den Felsen, die die Hochfläche begrenzen. Sie sind sehr erstaunt, als sie die Felsen, zwischen denen sie nun hinaufklettern müssen, unverteidigt finden. Ihr Mut und ihre Zuversicht wachsen. Sie sammeln sich im Wald und nähern sich nun von der Hochfläche her der Burg. Sie wissen, daß diese Seite weniger stark befestigt ist. Auch befindet sich hier der Haupteingang. Man wird das Tor in Brand setzen oder mit einem Balken einrammen können, hoffen die Germanen. Sie verlassen diesmal vorsichtig den schützenden Wald.

Da wird auf dem Turm der Festung ein Feuer mit dunkler Rauchwolke sichtbar, und der schrille Ton eines Hornes unterbricht die Stille. Unschlüssig verharren die Feinde außerhalb des Wurfbereichs der Festung. Dann horchen sie auf. In der Ferne, hinter ihrem Rük-ken, ist ein dumpfes Poltern zu vernehmen, das mehr und mehr anschwillt. Dann taucht in der Waldschneise, die von der Ebene zur Festung führt, eine große Schar von Reitern auf. Sie haben sich auf ihren Pferden aufgereckt, stoßen schrille Schreie aus und werfen ihre kurzen Speere. Sie schwenken nach rechts und links in den Wald und versperren so den Zugang zur Hochfläche. Inzwischen hat sich auch das Tor der Festung geöffnet, und die Verteidiger stürmen heraus.
Die von allen Seiten eingeschlossenen Germanen müssen bald den Kampf aufgeben. Wenn die Germanen nicht ein hohes Lösegeld bezahlen, werden die Kriegsgefangenen das harte Los der Sklaven tragen müssen. Die Gefangenen werden in einem Siegeszug zum Versammlungsplatz geführt. Bei der Siegesfeier sagt Gaufürst Imar: „Wir werden unsere Reiterei verstärken; sie hat diesen Kampf entschieden!" (Vergleiche auch die Sage „Die eiserne Jungfrau" in Heft 1).